Seltene Orchideen im Spreewald

Seltene Orchideen im Spreewald

Naturschutz und die Liebe zur Natur enden nicht mit dem Eintritt ins Rentenalter

Hans Jurk ist immer noch oft in seiner ehemaligen Arbeitsstelle unterwegs, dem Spreewald. Der 2015 in Rente gegangene Naturwächter beim Biosphärenreservat schaut in die entlegensten Winkel, sich dabei erinnernd, dass er einst im Rahmen eines Monitorings über Jahre Pflanzenbestände erfasst hat, besonders die streng geschützten.

Hans Jurk bei einer Bestandssichtung: Die mit Knabenkraut (violette „Pünktchen in der Feuchtwiese) bestandene Fläche betritt er nur am Rand, um Erschütterungen zu vermeiden.

Das Knabenkraut hat es ihm dabei besonders angetan, denn diese auffällig violett blühende Pflanze ist weithin sichtbar. Hans Jurk: „Deshalb habe ich mich gerade erst gestern aufgeregt, dass wohl ein Angler auf der Suche nach dem kürzesten Weg mit seinem Auto durch die deutlich sichtbaren Pflanzenbestände gewalzt ist. Wir sind so froh, dass diese zu den Orchideen gehörenden Spreewälder Pflanzen durch strengen Schutz sich gerade wieder erholen – und dann so etwas!“ Jurk rechnet es dem Verursacher an, dass er vielleicht gar nicht gewusst hat, was er da tut.

Das Knabenkraut ist wählerisch, es braucht ungedüngte, feuchte bis nasse Wiesen, die für den Spreewald typisch sind. Da diese Böden nährstoffarm sein müssen, reagiert die Orchidee empfindlich auf Überdüngung oder zu frühes Mähen. Die Samen des Knabenkrauts sind winzig und besitzen kein eigenes Nährgewebe. Damit der Samen im überhaupt keimen kann, ist er auf die Hilfe eines bestimmten Wurzelpilzes (Mykorrhiza) angewiesen, der ihn mit Nährstoffen versorgt. Deshalb ist die Pflanze auch sehr empfindlich gegen Erschütterungen, die das Wurzelgeflecht zerstören können.

Gleich mehrere Orchideen (Geflecktes Knabenkraut) befinden sich auf nur einer Feuchtwiese.

Seinen Namen hat die Pflanze von den beiden unterschiedlich großen und hodenförmig angeordneten Wurzelknollen. In der Volksmedizin galt daher der Genuss der größeren Knolle als Garant für die Zeugung eines Knaben.

Botaniker unterscheiden zwischen dem Breitblättrigem Knabenkraut, welches wegen seiner deutlich sichtbaren Flecken auf den Blättern auch Geflecktes Knabenkraut genannt wird und dem Ungefleckten Knabenkraut, welches aber noch seltener im Spreewald zu finden ist.

Die „Spreewald-Orchidee“ wird auch Geflecktes oder Breitblättriges Knabenkraut genannt und blüht nur kurze Zeit.

Hans Jurk ist bei seinen Rundgängen immer wieder auf Überraschungen eingestellt, er erhofft und sucht sie sogar als Zeichen für eine wiedererstarkende Natur, für ökologische Vielfalt. Ein Erfolgserlebnis kann er schon verbuchen: Das Zweiblatt. Diese ebenfalls streng geschützte Orchidee tritt in Begleitung des Knabenkrauts an ganz wenigen Standorten auf. „Bisher habe ich sie nur an einer Stelle entdeckt, sie ist sehr unauffällig, die Blüten sind man nur beim genauen Hinsehen“, sagt Jurk, während er die Feuchtwiese absucht. Der Sucherfolg bleibt nicht lange aus, schließlich hatte er sie schon vor Tagen entdeckt.

Das Große Zweiblatt mit seinem unscheinbaren Blütenstängel.  Unten rechts schiebt sich ein Geflecktes Knabenkraut aus dem Boden.

Wie das Knabenkraut ist auch das Große Zweiblatt nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt. Es darf weder gepflückt noch ausgegraben werden.

Hans Jurk ist anzumerken, dass er sich über die leicht erholten Bestände der seltenen Orchideenarten freut. „Es ist uns damals gelungen, mit den Eigentümern der Fläche nur eine Mahd zu vereinbaren, weit nach der Blütezeit. Auch eine Düngung muss unterlassen werden“, führt der, ein im Herzen wohl immer bleibender Naturschützer, an. „Mich erfreuen die naturbelassenen Wiesen und Brachflächen, denn nur hier kann die Natur sich erholen und eine Artenvielfalt hervorbringen. Andere sehen das vielleicht anders, für sie sind es ungepflegte, verwilderte Flächen – aber genau die brauchen wir!“, ergänzt Hans Jurk noch. In den nächsten Tagen wird er seine Runden fortsetzen, schauen, was die aufbrechende Natur noch an Überraschungen bereithält.

Michael Petschick von der Biosphärenreservatsverwaltung Spreewald zum Vorkommen streng geschützter Pflanzen:

Im UNESCO Biosphärenreservat Spreewald als Modellregion für eine angepasste und nachhaltige Nutzung der Kulturlandschaft gibt es für viele in Deutschland selten gewordene Tiere und Pflanzen wieder neuen Lebensraum. Arten wie Sumpf-Labkraut, Ufer Wolfstrapp, Sumpfvergissmeinnicht und Moor-Labkraut und Lebensraumtypen wie Pfeifengraswiesen, Feuchte Hochstaudenflur, Brenndolden-Auenwiesen und Magere Flachland-Mähwiesen erinnern uns daran, wie wichtig der Wasserhaushalt der Spreewaldregion für unsere Tiere und Pflanzen ist. Die Eingriffe des Menschen in die Natur zielten in der Vergangenheit auf Effizienz und Leistungsfähigkeit. Das hatte Entwässerung und Überdüngung und damit die Zerstörung vieler Lebensräume zur Folge. Heute wird durch Extensivierung und an die Boden- und Wasserverhältnisse angepasste Bewirtschaftung der Vielfalt unserer heimischen Natur wieder Raum gegeben. Mit über 120 Verträgen zur angepassten Nutzung der Spreewaldwiesen auf ca. 2300 Hektar – das sind ungefähr 3220 Standard-Fußballfelder – unterstützt das UNESCO Biosphärenreservat das gemeinsame Bemühen der Spreewälder Schutz, Pflege und Entwicklung unserer Kulturlandschaft zum Vorteil für Mensch und Natur zu vereinbaren.

Peter Becker, 20.05.26