Günther Rechn – ein Cottbuser Künstler mit Bodenständigkeit und Format lebt nicht mehr
Günter Rechn verstarb am 3. Januar 2026 in Folge eines Verkehrsunfalls. Sein Tod reißt eine große Lücke in die Lausitzer Kunstszene.


















Rechns Werke schienen auf den ersten Blick von der Tierwelt dominiert zu sein. Hunde, Katzen, Affen, Eulen … – so ziemlich alle Tiere waren in seinen Werken vertreten. Das verwundert weniger, wenn man weiß, dass Günther Rechn ein sehr tierliebender Mensch war: Hunde waren seine Begleiter sind, sie standen immer wieder im Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeiten. Wenn es ihn des Nachts umtrieb, er keinen Schlaf fand, dann entstanden Skizzen in großer Vielzahl, sie zeigten in außergewöhnlich gekonnter Form die Tiere in Bewegung, in der Interaktion mit anderen Tieren oder in spannungsvoller Stille verharrend. Wenn sein Blick aus dem Fenster seines Ateliers ging, dann traf sein Blick auf„Joey“. Der Hütehund saß meist stoisch auf dem Balkon und beobachtete die Eichhörnchen – als ob er ahnt, dass sein Herrchen jetzt mit wichtigerem, eben mit Kunst, beschäftigt ist und nicht gestört werden möchte.
Günther Rechn, Jahrgang 1944, kam nach seinem Kunststudium in Halle 1973 in die Lausitz, nach Lauta. Hoch motiviert von seinen Lehrern Lothar Zitzmann und Willi Sitte, wollte er große Werke schaffen, und Botschaften in die Welt senden – wenn es da nicht die „Bremser“ gegeben hätte, wie er die Funktionäre der Partei und ihres Geheimorgans nannte. Gefallen fanden nur Werke, die der Parteilinie entsprachen – für den Künstler Günther Rechn ein unmöglicher Zustand, eine Beschneidung der Kunst, die es nicht hinzunehmen galt. Letztlich waren es aber genau diese Restriktionen, die ihn und letztlich jeden Künstler, der sich nicht unterwarf, zu künstlerischer Entfaltung trieb – etwas, was so nicht im Studium gelehrt und auch nicht so gewollt ist. „Immer was offenlassen!“ Diese damals eher wenig beachtete Aussage seines Lehrers Zitzmann gewann plötzlich Bedeutung für ihn: Dinge im Kontext mit Gezeigtem nicht zu zeigen, fordern den Betrachter zu Interpretationen und Schlussfolgerungen auf. „Die Funktionäre waren oft überfordert, sie übersahen die subtilen Botschaften und ließen die Werke für die Öffentlichkeit zu, die sie in wahrer Kenntnis der Sachlage wohl eher nicht freigegeben hätten“, freute sich in einem Gespräch mit dem Autor vor wenigen Jahren Günther Rechn, dabei ein spitzbübisches Lächeln im Gesicht. Für DDR-Künstler war es fast so etwas wie ein Wettbewerb, durch Nichtsagen, Nichtzeigen dem Regime gekonnt den Spiegel vorzuhalten, ohne die Botschaft offen zu präsentieren. So gesehen haben viele Künstler und besonders auch Günther Rechn doch etwas ganz Besonderes geschaffen, wenn auch etwas anders, als es den Idealen der Kunstabsolventen von einst entsprach.
„Doch niemand soll denken, dass es heute keine Probleme gäbe“, sagte Günther Rechn rückblickend. „Alles darf heute gemacht und gezeigt werden, es gibt keine Grenzen – die einzige Grenze ist der Markt“, schätzte er die heutige Situation ein. „Von der einstigen Förderung der Künste und der Künstler durch den Staat kann keine Rede mehr sein.“
Eines seiner neuesten Werke hieß „Affentanz“. Daran saß er lange Zeit, veränderte und übermalte immer wieder: Eigentlich sollte es auf einem Schachbrett sehr geordnet zugehen, doch die Affen machen, was sie wollen, halten sich an keine Regeln. Günther Rechn nimmt sich da nicht raus: Auf einem Schachfeld sitzt er selbst, er wirkt als einer, der nicht weiß, ob er den „Affentanz“ mitmachen oder eher noch abwarten soll – die Metapher überlässt der Künstler dem Betrachter.
Günther Rechn zählt zu den überragenden Künstlern, nicht nur der Niederlausitz. Er und seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet und ausgestellt – von Deutschland bis Italien. Er arbeitete mit den verschiedensten Techniken, benutzte gern Papier, weil es so vielseitig nutzbar ist: „Man kann Informationen darauf unterbringen, Kunstwerke auf Papier schaffen oder wenn alles nicht so erfolgreich ist, immerhin noch Fische darin einwickeln.“
Jahrzehntelange Wegbegleiter, wie der Cottbuser Staatsschauspieler Michael Becker, sagen über ihn: „Er war für mich ein Malerfürst! Seine Kunst ist brauchbar und freundlich, nicht festgelegt auf ein bestimmtes Genre. Meine Wohnung ist voll mit seinen Bildern, ich konnte nicht genug von ihm bekommen. Mein Gänsehautbild ist das ‚Narrenschiff‘ – ein überladenes Boot schwimmt in eine Richtung, die offensichtlich niemand der Insassen beeinflussen kann oder will.“ Der Cottbuser Fotograf Walter Schönenbröcher sagte über Günther Rechn: „Vor einigen Jahren durfte ich ihn bei einem Kunstprojekt für die Lebenshilfe e. V. kennenlernen, bei dem er mit mir und zwei weiteren Künstlern teilnahm. Wir haben uns gleich gemocht und seitdem sind wir befreundet und ich dokumentiere auch seine Werke und sein Schaffen fotografisch. Günther war ein klasse Maler und ein ganz besonderer Mensch.“
In einer Laudatio hieß es: „Der Meister der Zeichenkunst und der Zwischentöne gibt den Tieren ihre Eigenheiten wieder und lässt uns die Hitze mediterraner Häuserwände spüren. Vergnüglich und mit wachem Auge filtert Rechn Natur und Zwischenmenschliches. Er trifft genau den Punkt, in dem das Gezeichnete am spannungsreichsten und selbsterklärend ist.“ (Maike Rößiger, Kunsthistorikerin)
Peter Becker, 05.01.26