Ein ganz normaler Wintertag in Lehde …

Ein ganz normaler Wintertag in Lehde …

Große Aufgeregtheit ist unter den Lehd’schen nicht zu beobachten, wenn man mit ihnen ins Gespräch zum Thema Winter kommt. Sebastian und Anja Kilka betreiben den „Mutschenhof“, sie sind auf nahezu alle Wetterbedingungen eingestellt. „Wir leben nun mal inmitten und mit der Natur, wir stellen uns darauf ein, wenn es mal nicht nur Sonnenschein und laue Sommerlüftchen gibt“, sagt Sebastian Kilka. Für ihn und seine Frau Anja ist es aktuell zwar mit etwas mehr Aufwand verbunden, ihre Tiere zu versorgen, aber auch das hat nur bedingt etwas mit dem Frostwetter zu tun, denn Versorgung findet immer statt. „Ich muss allerdings mehrmals täglich das Loch im Eis, den Plaunik, wie wir hier sagen, freihalten, damit ich für die Tiere frisches – wenn auch eisgekühltes – Wasser habe. Die Selbstbedienungstränke funktioniert bei Frost natürlich nicht, da müssen wir schon mal selbst mit Eimer und Kanne den Service übernehmen.“ Ansonsten hält eine dicke Strohschicht im Stall die Tiere warm. Alle anderen Haustiere haben sich ebenfalls mit den Temperaturen engagiert: Die Katzen kommen kaum aus dem Heizungsraum, und erst recht nicht Pfau „Rex“, der seinen Platz ganz oben auf dem Speicherkessel nicht verlässt. Kilkas haben ein Einsehen mit dem wärmeliebenden Tier und reichen ihm sogar das Futter nach oben.

Sebastian und Anja Kilka versorgen ihre Rinder mit Trinkwasser aus dem Eisloch, dem Plaunik. Hund Wanda ist ihr ständiger Begleiter auf dem Hof.

Pfau „Rex“ thront oben auf dem Speicherkessel, vor ihm der stets gut gefüllte Futternapf.

Kilkas wohnen, wie noch vier weitere Lehder Familien „über’m Wasser“, wie es bei den Einheimischen heißt. Sie haben keinen direkten Landzugang und benutzen in der Regel den Kahn als Fähre, wenn es an andere Ufer gehen soll. Um keine Risiken einzugehen, haben sie bei Frostbeginn zwei Kähne quer ins Fließ gestellt, um diese als Brücke nutzen zu können. Zwei deshalb, weil der hier breite Lehder Graben sich so besser, wenn auch mit Umsteigen, überwinden lässt.

Mit der Schubkarre ans andere Ufer: Das geht am besten mit partnerschaftlicher Hilfe.

Mit dem Kahn oder einer provisorischen Stegbrücke ist zwar der Zugang zum Festland auch im eisigsten Winter gegeben, doch die Anwohner scheinen gar nicht so glücklich darüber zu sein. „Nun kann ja eigentlich jeder auf’s Grundstück, das Fließ schützt uns nicht mehr vor ungebetenen Besuchern“, sagt eine leicht besorgte Christine Scholz. Sie bewohnt mit ihrem Mann Günter am anderen Dorfende ein ebenfalls nur übers Wasser erreichbares Grundstück. Günter Scholz hat sich einen aus mehreren Segmenten bestehenden Steg gebaut, den er bei eintretendem Frost über das Zeitzfließ schiebt. Es kann später, bei Eisfreiheit, wieder ans Ufer gezogen werden. „Wir müssen unsere Besorgungen gut planen und möglichst alles an einem Tag erledigen. Vom Grundstück müssen wir noch bis zu unserer Garage in Dorfmitte laufen – und das ist aktuell unser größeres Problem: Die Fußwege in Lehde sind furchtbar glatt, wir sind nicht mehr die Jüngsten und müssen höllisch aufpassen!“, sagen beide und sind froh, ihren Einkauf mit dem Handwagen unfallfrei nach Hause gebracht zu haben.

So ganz nebenbei erzählte Christine Scholz, wie das benachbarte Fließ „Suezkanal“ zu seinem Namen kam: „Mein Vater Karl Richter beobachtete 1956 die Baggerarbeiten am noch namenlosen Fließ, welches verlängert und verbreitert wurde. In den Nachrichten war damals ständig von einer  Suezkanalkrise, einer Freigabe für die Schifffahrt, die Rede. ‚Nennt ihn doch Suezkanal!,‘ rief er den Wasserbauern zu – und dabei blieb es!“

Günter und Christine Scholz auf dem Weg ins Dorf.

Die Fließe sind aktuell ganz unterschiedlich dick gefroren, manche gar nicht. Die ruhigeren Gässchen, wie bei Kilkas, sind zwar trittfest, aber schon wenige Meter weiter kann das ganz anders sein. Am „Fröhlichen Hecht“ gibt es, sehr zum Vorteil der Wasservögel, gar keine Eisschicht. Selbst die scheuen Kormorane jagen hier nach Fischen – im Sommer ein undenkbarer Anblick!

Für Eisläufer hat Lehde allerdings sichere Alternativen: Die im Rahmen des Winterstaus großräumig überschwemmten Wiesen sind ideal zum Schlittschuhlaufen geeignet, wovon nicht nur die Lehd’schen Gebrauch machen. Auch Familien aus Lübbenau und Umgebung nutzen diese sichere Eislaufgelegenheit – natürlich auch hier auf eigene Gefahr, die aber kalkulierbar scheint.

Kendy Konzack aus Kolkwitz tobt mit den Kindern Fabienne und Pierre übers Lehder Eis.

Zum Fotoalbum

Peter Becker, 10.02.2026