Der ganz normale Spreewaldwinter

Der ganz normale Spreewaldwinter

Was heute als „katastrophales“ Winterwetter empfunden wird, begleitete früher das Leben der Spreewälder. Der Winter war entbehrungsreich und wurde zwangsläufig hingenommen. Dennoch ersehnte man das Ende des Winters herbei. Der überkommene Brauch des Winteraustreibens wird noch heute zelebriert, wie das Zampern und die Fastnacht (Zapust).

Stoßschlittenfahrt ab Hagens Insel, Burg

Die abgeschiedene Lage vieler Spreewaldgehöfte mag auf den ersten Blick und aus heutiger Sicht idyllisch erscheinen, doch wer dort lebte, musste ganzjährig mit Einschränkungen rechnen. Die Spreewälder waren weitestgehend Selbstversorger und lernten, mit ihren Vorräten zu haushalten und auch lange Winter zu überstehen. Niemand fuhr zur Arbeit in die Stadt, erst später, ab 1900, bestand durch die Spreewaldbahn eine erste Verkehrsverbindung, die Spreewäldern außerorts Tätigkeiten ermöglichte.

Nachbarschaftshilfe war allgegenwärtig, schließlich konnte jeder mal in eine Situation geraten, bei der er auf Hilfe angewiesen war. Die kurzen Tage und langen Abende waren dem Liegengebliebenen gewidmet worden: Gerätschaften reparieren, Netze Stricken, Körbe und Besen flechten. Die Frauen trafen sich zur Spinnte, zu gemeinsamen Spinnen und zu Handarbeiten. Dafür hielt jährlich ein Spreewälder sein Wohnzimmer geheizt, der dafür als Ausgleich im Herbst Hilfe bei der Ernte bekam. Das sparte einerseits Heizmaterial und diente der Pflege der sozialen Strukturen innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Leiper Spinnte 2010

Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts bestimmten Trockenheit und Hochwasser den Lebensrhythmus, und die Winter konnten eine enorme Belastung für Mensch und Tier darstellen. Die Schober auf den Wiesen waren Futterspeicher, die bei Frost schwer erreichbar waren, bei einer dicken Eisdecke schon leichter: Heu wurde auf Lastschlitten umgeladen und meist in Wochenrationen auf die Höfe verbracht.
 Langanhaltender Frost ließ auch den inneren Spreewald zugänglicher werden, sodass Brennholz beschafft werden konnte. Die Spreewälder haben es in Jahrhunderten gelernt, mit diesen Bedingungen zu leben, mit ihnen umzugehen und sie für sich zu nutzen.
 Es gab äußerst schwierige Lebensphasen, wie die Übergangsperioden im Winter: Wenn sich Eis bildete, war Kahnfahrt nicht mehr möglich, Lastschlitten noch nicht einsetzbar, manchmal tagelang. Deshalb war eine kluge und langfristig angelegte Futterbevorratung lebenswichtig für Mensch und Tier. Gleiches wiederholte sich – manchmal mehrmals – bei einsetzendem Tauwetter. Es gab keinen Wetterbericht mit einhergehenden Unwetterwarnungen, lediglich Erfahrungen, besonders der Älteren, flossen in die Vorratsplanungen ein. Kinder konnten noch bis in die 1960er Jahre bei solchem Wetter die Schule nicht erreichen, Arztbesuche waren weder in der einen noch in der anderen Richtung kurzfristig möglich. Selbst Beerdigungen mussten verschoben werden, denn im inneren Spreewald gab es ohnehin keine Friedhöfe.

Anders als heute waren die Spreewälder früher weniger oder kaum von einer externen Lebensmittelversorgung abhängig: Mehl gab es in den Spreewaldmühlen, Zucker gar nicht oder nur als Honig. Was verzehrt werden sollte, war zumeist auf den Höfen vorhanden oder wurde hergestellt, in Überflusszeiten wurde mit den Nachbarn geteilt, etwa bei den Hausschlachtungen. Das ersparte umfangreiche Bevorratungen mit den damit verbundenen Risiken, in gleichem Maße kam frisch Geschlachtetes von den Nachbarn zurück.

Hausschlachtung in Raddusch 2011

Ein karges, aber geordnetes Leben, nicht ganz frei von den Launen der Natur, aber stets weitestgehend im Einklang. Und es gab auch Sonntagsfreuden, wie gelegentliche Schönwetterausflüge zur Kaffeezeit mit dem Kahn oder Stoßschlittenfahrten: Gut in Decken und Felle eingepackt und mit einer Wärmflasche versehen, schob der Familienvater seine Gattin oder die Kinder übers Eis.

Spreewälder erinnerten sich

Anna Jedro (Leipe): „Wir Mädchen verbrachten im Winter einen Abend jeder Woche in der Spinnte. Wir hatten oft beim Bauern Koalick ein Zimmer gemietet und trafen uns dort zum Stricken. Als Dank für die warme Stube haben wir ihm später bei der Kartoffelernte geholfen. Ganz problematisch wurde es, wenn zum errechneten Geburtstermin Schnee und Eis keine Kahnfahrt zuließen, entweder weil es zu gefrieren begann oder das Eis bereits schmolz, aber keinen Schlitten mehr trug. Der Stoßschlitten kam im tiefsten Winter bei sicheren Eisverhältnissen zum Einsatz und war sogar dank kräftiger und sich ablösender Männer schneller als ein Kahn in Lübbenau. Ich bin im Januar 1947 im Stoßschlitten zur Entbindung meines Sohnes Manfred nach Lübbenau gebracht worden. Besonders fürsorgliche und angehende Familienväter versahen während der Übergangswetterperioden und bei heranrückendem Geburtstermin ihren Kahn mit Kufen, sodass er über das Eis gezogen werden, aber auch wie ein ganz normaler Kahn bei Eisfreiheit gestakt werden konnte. Allerdings musste ich eine Woche länger in der Klinik verbleiben, denn man konnte mich und meinen Sohn weder mit dem Kahn noch mit dem Stoßschlitten abholen!“

Joachim Müller aus Lübbenau regte einst an, auch im Winter den Gästen mehr zu bieten: „Es gibt im Sommer Paddelbootverleih – warum soll es im Winter nicht einen Stoßschlittenverleih geben?“ Er beschaffte sich Unterlagen und nahm an alten Stoßschlitten Maß, um möglichst originalgetreue Schlitten zu bauen. Das Handwerkliche hatte er sich schon in jungen Jahren im Sägewerk angeeignet, deshalb fiel es ihm nicht besonders schwer, solche Gefährte auf die Kufen zu stellen. Anders als der gewöhnliche Schlitten, ist der Stoßschlitten für Fahrten auf Eis geeignet und hat daher schmale Metallkufen. Er wird vor sich hergeschoben (gestoßen), meist von einem kräftigen Mann, während die Gattin in Decken gehüllt im Schlitten Platz nimmt und meist den Kurs bestimmt. Solch einen Verleih richtete Joachim Müller an der Schneidemühle ein. Wo sonst im Kahnschuppen Kähne dümpelten, standen bei ihm sechs Schlitten auf dem Eis, bereit zum Vermieten. „Aber bevor ich das tue, teste ich ausgiebig das Eis. Ich gehe erst mal selbst ein ganzes Stück und hacke dann ein Eisloch, um die Dicke festzustellen. Schließlich möchte ich nicht, dass mir Gäste und Schlitten im Wasser verschwinden. Dennoch kann auch ich keine Garantien geben, denn der Spreewald hat seine eigenen Gesetze: Wo dickes Eis ist, kann an der nächsten Biegung das Eis sehr dünn sein. Im Idealfall ist dann manchmal gar kein Eis, das wird dann wenigstens oft und rechtzeitig genug wahrgenommen. Wenn es nach uns geht, kann der Winter nicht streng genug sein. Dann trägt das Eis sicher und unsere Schlitten kommen zum Einsatz – sehr zur Freude unserer treuen Berliner Stammkundschaft.“

Nachstellung Spreewälder Winterlebens bei einem Fotoworkshop im Januar 2026 in Raddusch:

Die historischen Aufnahmen, teilweise über 100 Jahre alt, entstammen Archiven von engagierten, traditionsbewussten Spreewäldern.

Peter Becker, 16.01.2026